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Der neue Kollege Skype

Beratung in Corona-Zeiten

Auch in Zeiten von Corona versuchen wir Beratungsmöglichkeiten für Klient*innen so weit als möglich offen zu halten. In einigen Beratungsbereichen haben wir – für uns bisher neu – auch das Medium Skype eingesetzt. Das folgende Beispiel veranschaulicht die Möglichkeiten, die sich durch diese Art der Beratung auftun können.

Zwei getrennte Eltern einer knapp 3-jährigen Tochter hatten wiederholt Konflikte über die Quantität des Umgangskontakts zwischen Vater und Kind. Zentrale Frage war, wann das Kind beim Vater übernachten kann. Die Eltern versuchten mehrfach über das Familiengericht Lösungen zu erstreiten. Das Familiengericht verwies die Eltern wiederholt zu Gesprächen an die Beratungsstelle.

Vor Beginn von Corona gestaltete sich ein sehr mühseliger Prozess, um mit den Eltern sinnvolle Aufträge zu erarbeiten. Bei zwei gemeinsamen Terminen konnte beobachtet werden, dass beide Elternteile auf Grund der angespannten emotionalen Situation kaum in der Lage waren sich mit den themenspezifischen Fragestellungen zu beschäftigen.

Nach dem Beginn von Corona mussten aufgrund einer neuerlichen familiengerichtlichen Auflage mit den Eltern Detailfragen zur Vorbereitung der nun auch festgelegten Übernachtungen des Kindes beim Vater besprochen werden. Dies gestaltete sich im Zusammenhang der Einschränkungen von Präsenzberatung schwierig. Die Zeit drängte in gewisser Weise, da die erste Übernachtung bald durchgeführt werden sollte.

Aus dieser Situation heraus wurde den Eltern eine Videokonferenz per Skype angeboten – eine Beratungsform, die für Eltern und Berater neu waren, zunächst ein Experiment.

Erfreulicherweise konnte der Berater schon beim ersten Skype-Termin feststellen, daß sich etwas stark verändert hatte: Die aktive Rolle als Berater war über weite Strecken des Gespräches überflüssig geworden, die Eltern konnten selbstständig und in sachlichem Ton Informationen austauschten und sich gegenseitig Fragen beantworteten.

Es wurden weitere zwei Skype-Termine vereinbart, um den Verlauf der zweiten und dritten Übernachtung zu besprechen. Auch hier zeigte sich ein ähnliches Bild: Beide Eltern waren in der Lage, etwa 20 bis 30 Minuten die Situation sachlich zu besprechen und die Mutter zeigte an manchen Stellen sogar Ansätze von Humor, wenn der Vater Situationen mit der Tochter vom zurückliegenden Wochenende erzählte. Die Rolle des Beraters beschränkte sich auch wenige unterstützende Moderationen.

„Frei nach Watzlawick" stand in dem veränderten Setting nun die Sachebene, bzw. die Elternebene im Mittelpunkt und nicht mehr eine übermächtige Beziehungsebene der Beteiligten. Dank Skype hatte sich eine andere Balance eingestellt.

Fazit: Es handelt sich bei dem beschriebenen Fall um eine Momentaufnahme. Dennoch hat sich der Einsatz digitaler Formate (in verantwortungsvoller Weise eingesetzt) als hilfreiche und sehr sinnvolle Ergänzung der bestehenden Beratungspraxis erwiesen.

Auch in der Zukunft kann Skype & Co. ein „nützlicher Kollege" werden.

German Grützner
Dipl. Sozialpädagoge (FH)
systemischer Familienberater