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„Impressionen aus 38 Jahren Erziehungsberatung“zum Abschied von Hans Holdenried, Leiter der EB Amberg

Nach 38 Berufsjahren haben wir Hans Holdenried im Oktober 2013 in den Ruhestand verabschiedet. Er arbeitete als Leiter einer eher ländlich geprägten Erziehungsberatungsstelle. Ein gut eingearbeitetes Team hat ihn viele Jahre begleitet.

Seine EB versorgt die Stadt Amberg und den Landkreis Amberg-Sulzbach mit 4,5 Fachkraftstellen, d.h. 2012 für insgesamt 149.142 Einwohner zuständig, was einer Fachkraftversorgung von 1:  33.150 Einwohner  entspricht – eine sehr ungünstige Versorgungsquote.

Hans Holdenried gehörte zur Gründungsgeneration in den Erziehungsberatungs-stellen, die sich aus zunächst allgemeinen psychologischen Beratungsstellen zu kompetenten Ansprechpartnern für Eltern, Kinder und Jugendliche im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe nach SGB VIII (KJHG) entwickelt haben. Vorbilder gab es in der Anfangszeit nur wenige. Allzu häufig standen damals der Bedarf und Finanzierungsfragen im Kreuzfeuer der Kritik.

Die „vorläufigen Richtlinien zur Förderung von Erziehungsberatungsstellen" wurden erst 1978 herausgegeben.

Mit Blick auf die konkreten Anliegen der Rat suchenden Familien wurden nach und nach Methoden und Konzepte entwickelt, die den Beratungsanliegen und auch dem Förder- oder Therapiebedarf bei den Kindern angemessen waren. So haben sich Strukturen entwickelt, die nicht selten später zur Vorlage für gesetzliche Regelungen wurden.

Das Team an der EB Amberg hatte schon früh erkannt, dass nicht nur die Symptombehandlung beim einzelnen Kind sondern die Einbeziehung der ganzen Familie die Methode der Wahl ist. Bereits ab 1980 begannen Hans Holdenried und zwei weitere Kollegen mit der Ausbildung zum Familientherapeuten.

Noch früher wurde mit Eltern-Kind-Gruppen begonnen- genannt „Elternschule" - die dann zum Vorbild für andere Beratungsstellen wurden und bis heute von der Kath. Erwachsenenbildung flächendeckend angeboten werden.

Klassisch-akademische Therapiemethoden wurden in eine integrierte beraterisch-therapeutische Familienbehandlung eingebaut. An der EB Amberg hat sich so seit 1980 ein erlebnispädagogischer Ansatz entwickelt, der bis in die jüngste Zeit in Form von Zeltlagern, Bootsfahrten oder Kletterwanderungen durchgeführt wurde. Auch hier wirkte Hans Holdenried mit seinem Team Beispiel gebend für andere Beratungsstellen.

Bei stets steigenden Anmeldezahlen und dem wachsendem Druck durch diese „Warteliste" einerseits und erweiterten Anforderungen für das Angebotsprofil andererseits wurden immer wieder Wege zur Entwicklung weiterer wirksamer Konzepte gefunden.

So führte die Verabschiedung des SGB VIII (KJHG) am 1.01.1991, mit dem Rechtsanspruch der Eltern auf Beratung in Fragen der Erziehung zu einer konkreteren Einbindung der EBn in das Netz der Jugendhilfe.

Die Kindschaftsrechtsreform vom 1.07.1998 sowie das FamFG 2007 (Verfahren in Familiensachen der freiwilligen Gerichtsbarkeit) intensivierten die Kooperation mit den Familiengerichten und ließen neue Angebote für getrennte oder geschiedene Eltern und deren Kinder entstehen.

An der EB Amberg wurden jedoch schon seit 1990 Gruppen für Eltern bei Trennung und Scheidung angeboten mit dem Aspekt, die Not dieser Familien in den Blick zu nehmen. Um auch Kindern nach der Trennung ein Mindestmaß an Kontinuität zu erhalten, starteten ab 1994 Gruppen für von Trennung und Scheidung betroffene Kinder.

Kinder mit besonderen Belastungen, wie Aufmerksamkeits- und Lerndefiziten, unruhigem Verhalten oder Angststörungen bedürfen einer besonderen Einfühlsamkeit und Fürsorge. Mit fundiertem Weitblick sieht Hans Holdenried aufgrund der Wettbewerbskultur und der Konkurrenzangst in den Industrieländern eine zunehmende Problematik: „Betroffene Kinder geraten durch ihre Eigenart häufig in eine ausweglose Situation bei erheblichen Auseinandersetzungen mit ihrer Umwelt und bei schulischen Leistungsanforderungen." Ein Umdenken auch an Schulen wäre hier dringend erforderlich (z.B. wie bei der Bekanntmachung des Bayer. Kultusministeriums zur Förderung von Lese-Rechtschreibschwächen).

Qualitativ hochwertigen Konzepte, die an den Erziehungsberatungsstellen entwickelt werden finden leider zu selten Eingang in Forschungsprojekte. An der EB Amberg wurden einige Konzepte in wissenschaftlichen Arbeiten auf ihre Wirksamkeit überprüft:

  • In einer wissenschaftlichen Arbeit 2002 mit der Uni Bamberg wurde die positive Wirkung von Trennungs- und Scheidungsgruppen für Eltern untersucht und bestätigt.
  • 2007 wurde eine Studie mit dem Psychologischen Lehrstuhl II an der Uni Regensburg zum Gruppenangebot für ADHS-Kinder durchgeführt. Es zeigte sich, dass diese Kinder die Impulskontrolle verbessern, die Angstsymptome senken und mehr Selbstvertrauen erleben konnten.

Ein spiritueller roter Faden

Einige Leitideen ziehen sich wie ein roter Faden durch all die Jahre und gesetzlichen Neuerungen hindurch:

  • Das Baby kommt schon als kompetenter Mensch auf die Welt.
  • Die pädagogische Bedeutsamkeit von Erwachsenen zeigt sich darin, die Signale der Kinder zu verstehen und eine hilfreiche Beziehung aufzubauen.
  • Das Selbstwertgefühl der Kinder aufrecht zu erhalten oder wieder herzustellen ist Ziel unseres pädagogischen Handelns.
  • „Gewaltfreiheit im Sinne Gandhis meint unser einfühlendes Wesen, das sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt nachlässt. Abwertung verhindert das Zuhören und wird zum Gegenangriff."
  • „Es gibt Sichtweisen und Gedanken, die sind so mit dem Körper verbunden, dass es nicht beim Denken bleibt, sondern dass die hinter diesen Gedanken und Sichtweisen liegende Absicht Wirklichkeit werden kann."

An der EB Amberg sind in den vergangenen 35 Jahren unter der Leitung von Hans Holdenried viele dieser Gedanken und Sichtweisen lebendige Wirksamkeit geworden. Hans Holdenried ist als Berater und Leiter das Wagnis eingegangen, das Schöne bei Kindern, Eltern und Kollegen durchscheinen zu sehen und ihnen zuzutrauen, sich zu entwickeln und die eigenen Kräfte freizusetzen. Wobei dieses Zutrauen jedoch auch jeden dazu auffordert, diese eigenen Kräfte zu entdecken und zu nutzen.

Zu dieser Kunst, andere zu motivieren, gehört großes Können und solides Vertrauen in die eigenen Kräfte.

In einem Lied von Kathy und Red Grammer kommt dieses wunderbare Leitmotiv für die Arbeit an einer Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle zum Ausdruck:

(vgl. Jahresbericht 2012, EB Amberg)

„See me beautiful"

Sieh das Schöne in mir,

Such das Beste in mir.

Das ist, was ich wirklich bin,

das ist was ich wirklich sein will.

Es mag etwas dauern,

es mag schwer zu finden sein,

aber sieh das Schöne in mir.

 

Sieh das Schöne in mir,

immer wieder jeden Tag.

Kannst du das Wagnis eingehen,

kannst du einen Weg finden

mich durchscheinen zu sehen

In allem, was ich tue?

Sieh das Schöne in mir.

 

Es war eine große Freude, immer wieder mit Dir und Deinem Team zusammen zu arbeiten.

Danke Hans!

Text: Wolfgang Sill, EB Tirschenreuth